Projekte

PO4 Logo

Architektur als iterativer Prozess.

Zurück zur Übersicht Zufällige Bilder Einzelansicht Autoplay aus
Grundriss OG.
Grundriss OG.
Grundriss EG.
Grundriss EG.

SU Dolomiti

Offener Wettbewerb Ersatzneubau Sunnige Hof

Der Wettbewerbsbeitrag für den Ersatzneubau Sunnige Hof bildet einen neuen Rand für das Gartenstadtquartier in Schwamendingen: einen akustischen und baulichen Filter zwischen der Dübendorfstrasse und den privaten Gärten. Neben fast 140 Wohneinheiten gibt es Ateliers, einen Gemeinschaftsraum, einen Kindergarten und Punkthäuser; offene Erschliessungstürme als gestapelte Gärten und Lärmgrundrisse mit bewohnbaren Nischen prägen das Zusammenleben.

Ganzer Text ▸

Ein Rand für die Gartenstadt

Die Neubauten für Dolomiti bilden einen neuen Rand für das Gartenstadtquartier in Schwamendingen. Ein neuer, urbaner Filter zwischen der städtischen Mobilitätsachse der Dübendorfstrasse und den privaten Gärten des Sunnige Hof. Ein akustisch und baulich ausgebildeter Übergang zwischen diesen zwei kontrastierenden Stadtteilen.

An den Enden des Projektes werden Kopfbauten ausgebildet: Ganz im Osten beginnt die Überbauung mit einem höheren Gebäudevolumen, ein Auftakt, der die offene Wiese und den Spielplatz am Leimbach überblickt. Ebenso im Westen, in Richtung vom Zentrum von Schwamendingen. Hier, sowie an den dazwischenliegenden, prominent zur Strasse gelegenen, Gebäudeecken findet sich im Erdgeschoss ein nutzungsoffenes Atelier, eine Möglichkeit zur Schnittstellenbildung mit dem Quartier: Ein Unverpackt-Laden, ein Co-Workingspace, eine gemeinschaftlich organisierte Ludothek.

An der Abzweigung der Probsteistrasse befindet sich der Gemeinschaftsraum am sanft umgestalteten Platz mit dem Wappenbrunnen: Diese Freifläche bildet ein Herzstück der gemeinsamen Nutzungen der Genossenschaft, ist aber auch ein Zentrum für das ganze Quartier. Hier stört auch der Lärm fast nicht, wenn mal ein Fest gefeiert wird. Der Gemeinschaftsraum, wie auch die Ateliers, liegen auf Strassenniveau und haben eine Raumhöhe von fast 3.4m.

Rückwärtig, entlang der Probsteistrasse, befindet sich auch eine andere gemeinsame Nutzung: Zurückgezogen ins Quartier ist der neue Kindergarten. Ein eigenständiges Volumen mit eigenem Aussenraum zum Quartier hin, der auch ausserhalb der Öffnungszeiten von den Kindern im Quartier genutzt werden kann – abgeschirmt vom Tram aber einsehbar von weitherum.

Hier auf der westlichen, tieferen, Parzelle wird die Randsiedlung auch durch andere Typologien ergänzt: Drei Punkthäuser bilden mit ihrer feineren Körnung einen Übergang zu den umliegenden Einfamilienhäusern. Die beiden grösseren Häuser beherbergen jeweils vier Maisonette-Wohnungen, die als Häuser-im-Haus funktionieren; die unteren mit eigenem Garten, die oberen mit Dachterrasse. Im kleinsten Haus befindet sich hingegen eine Clusterwohnung: Sechs eigenständige Studiowohnungen, die sich im Erdgeschoss einen gemeinsamen Wohn- und Essraum teilen und dadurch eine ganze Bandbreite von Nutzungsoptionen bieten.

Ein harter und ein weicher Weg

Die zwei Seiten des Projekts sind durch zahlreiche Durchbrüche verbunden, die gleichzeitig auch eine Adressierung der verschiedenen Gebäudeteile formen. Die Durchbrüche und Lücken verbinden zwei Wege, die ebenso unterschiedlich sind, wie die urbanen Fragmente zu denen sie gehören: Auf der Strassenseite das Trottoir der Dübendorfstrasse, ein harter Belag gesäumt von den strassenebenen Ateliers die auch zur Stadt gehören und Wohnungen im Hochparterre mit privaten Vorplätzen. Rückseitig hingegen gibt es einen befestigten, aber parkartigen Weg, der parallel zur Strasse entlang der ganzen Überbauung führt. Der schmale Weg wird verbreitert durch einen Schotterrasenstreifen, der ihn für die Feuerwehr und für aussergewöhnliche Ereignisse befahrbar macht. Die gemeinsamen Nutzräume, die Veloräume und die Waschküche, verbinden beide Gebäudeseiten und bilden punktuelle Treffpunkte des Zusammenlebens.

Der Aussenraum um diesen Parkweg herum ist punktuiert durch den gleichmässigen Rhythmus der sich öffnenden, halb eingefassten Höfe und der Erschliessungstürme. Die Achsen, die sich ergeben durch die Zugänge zur Strasse und die Sichtbezüge ins Quartier, gliedern den offenen Raum in Felder, die abwechslungsweise als frei nutzbarer Genossenschaftsplatz, ökologische Ausgleichsfläche, Spielplatz oder kollektiv organisierter Pflanzgarten bespielt werden. Eine atmosphärische Dichte entsteht auf dem engen Raum, eine Koexistenz der organischen Bewohner des Grundstücks.

Die Erschliessungstürme, die gleichzeitig auch die Aussenräume der Wohnungen sind, verweben die neuen Gebäude mit den Privatgärten der Umgebung. Sie funktionieren als gestapelte Gärten, in die sich die Bewohner zurückziehen können; als Schnittstelle zwischen dem statischen Innen und dem Miteinander des Aussenraums. Man trifft sich auf der Treppe, den Aufzug nimmt man nur, wenn man zum Beispiel den Kinderwagen mit in die Wohnung nehmen möchte, ohne das Kind zu wecken. Obwohl es neu fast 140 Wohneinheiten auf den beiden Grundstücken gibt, passt sich das Gebäude durch die Art des Zusammenlebens in das Quartier ein.

Nischen für ein dichtes Zusammenleben dank Lärmtypologie

Für ein Zusammenleben braucht es Nischen, um sich zurückzuziehen: Eine Wohnung muss eine Vielfalt von aneigenbaren Räumen bieten, die über das «Jeder sein eigenes Zimmer» hinausgehen, vor allem für kinderreiche Familien, in denen Zimmer auch mal geteilt werden. An der Dübendorfstrasse bietet die Notwendigkeit der Lärmgrundrisse eine Gelegenheit, genau das zu tun. Kein ständiger Aufenthaltsbereich ist strassenseitig angeordnet, so dass auch den strengsten Anforderungen des Lärmschutzes entsprochen wird. Aber der dadurch entstehende Flur strassenseitig ist mehr als nur ein Korridor: Ein bewohnbares Erkerfenster, wo man Briobahn spielen oder mit Weitsicht Kaffee trinken und Emails beantworten kann; ein Fensterbrett als Bank, wo gelesen oder das Bastelprojekt als Hausaufgabe ausgelegt wird; der Zwischenraum vor dem Bad, der sich als Ankleide einem Elternzimmer anfügt. Dieser Flur schafft Nischen und Distanz zwischen den Einzelräumen und dem gemeinsamen, grossen und offenen Wohn/Esszimmer. Keine ständigen Aufenthaltsbereiche, aber kleine Orte wo man kurz Abstand nehmen kann.

Um die Flexibilität der Wohnungsnutzung zu erhöhen, ergänzt eine zweite Erschliessungsmöglichkeit die Zimmer-Enfilade: Türen verbinden die einzelnen Zimmer direkt miteinander. Diese Türen müssen nicht ständig genutzt werden: Sie sind als zweiseitige Tapetentür ausgebildet, so dass sie in vielen Fällen auch einfach hinter einem Regal eine versteckte Existenz führen dürfen. Aber man kann auch Zimmer miteinander verbinden: Die Kinderzimmer mit direkter Geheimtür; oder ein zweites Zimmer für lärmigeres Spielen und Musiküben, dafür wird das Schlafzimmer zu zweit geteilt; ein Homeoffice nur zugänglich vom Elternzimmer… Die zweite Erschliessung erhöht den Bewegungsspielraum durch die ganze Wohnung. Zusammen mit den grosszügigen Wohnräumen mit Fenstern auf drei Seiten, findet man so in der Wohnung beides: Platz um sich zu bewegen, und Nischen um sich zurückzuziehen.

Im grösseren Massstab bilden die privaten Aussenräume die Nischen für die ganze Familie. Das gemeinsame offene Treppenhaus führt über die Terrasse in die Wohnung: Hier können nach dem Spielen im Biotop die nassen Gummistiefel abgespült und deponiert werden, bevor die Wohnung betreten wird. Im Winter bietet der überdachte Aussenbereich genug Platz für Schlitten oder sogar um eine kleine Runde auf dem Trottinett zu drehen. Im Sommer kann beschattet, aber gegen Süden mit der ganzen Familie draussen gegessen werden – die Kinder ruft man von hier direkt vom Spielen im Hof herauf.

Nachhaltig solid und low-tech

Grundsätzlich funktioniert das Gebäude möglichst low-tech: Gelüftet wird über Fenster, auch Küche und Badezimmer liegen grundsätzlich direkt an der Fassade – so kann trotz hohen Anforderungen der SNBS auf eine mechanische Raumlüftung verzichtet werden. Das Material und der Unterhalt, das so eingespart wird, schont sowohl Budget als auch Umwelt. Die Fenster sind unterschiedlich ausgebildet, entsprechend der Gebäudeseite: Gegen Süden sind es bodenebene französische Holzfenster, wo auch die Kleinsten kriechend nach aussen sehen können und die eher knapp bemessenen Zimmer grosszügigen Lichteinfall geniessen. Zur Strasse hin reagieren die Fenster auf die bewohnbaren Nischen des Erschliessungsraums, sind aussenliegend und für eine möglichst lange Lebensdauer in Holz-Metall.

Das Grundmaterial der Konstruktion ist ein Einsteinmauerwerk. Ein solides Material, für ein langlebiges Bauwerk mit hoher Speichermasse und sehr guter Nachhaltigkeitsbilanz. Alle Steigzonen werden simpel bei den Badezimmern angeordnet, das Reduit, das auch als Zugangsraum vor dem Badezimmer zusätzliche Privatsphäre schafft, beinhaltet Elektro- und Heizungsverteilung. Alle Oberflächen werden möglichst roh und einfach gehalten: Das Mauerwerk wird nur gestrichen, elektrische Installationen werden Aufputz installiert. Silikonfugen kommen nur als Ausnahme im Badezimmer vor. Ein schlichter, aber nachhaltiger Parkett, der auch noch ein paar Mal abgeschliffen werden kann, macht die Wohnung warm und akustisch gedämpft. Ein Ort der zum Leben einlädt.

Details ▸
Art: Wohnüberbauung
Prozess: Wettbewerb
Beginn: Winter 21/22
Team: Alexa den Hartog, Yves Seiler, Julia Martignoni, Yorgos Lavantsiotis
Grundriss OG. Grundriss EG. Umgebungsplan/Dachaufsicht. Beispielwohnung. Fassade Süd. Maisonettewohnung. Fassade Nord. Querschnitt. Querschnitt. Konstruktion Schnitt. Konstruktion Grundriss. Bild Balkon. Fassadenansicht. Bild Closeup Fassade. Bild Hofansicht. Bild Innenraum.