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Landart, Terrassen und Stadt
Ankommend von der oberen Busstation «Sädlenweg» öffnet sich der Blick plötzlich über Zürich und verliert sich im Horizont jenseits des Stadtkörpers am Hönggerberg, Chäferberg und Zürichberg. Lange Terrassen prägen den Blick und strukturieren Vorder- und Mittelgrund.
Bergwiesen: Ein weiteres Stück Stadt verändert sich. Am Hang zum Uetliberg in unmittelbarer Nähe des Triemli-Spitals wird der Bestand an genossenschaftlichem Wohnungsbau ergänzt und ersetzt.
In Anlehnung an den alten Flurnamen übernimmt der vorliegende Entwurf mitschwingende Bedeutung und poetisches Potential des Toponyms und interpretiert dieses für unsere Zeit. Die Gliederung der Volumen folgt der bisherigen Ausrichtung der Baukörper und betont mit Langhäusern die Topographie der Hanglage zum Uetlibergwald. In Anlehnung an Landart-Arbeiten bestimmt die Topographie direkt die Geometrie der Volumen und lässt diese (gemäss den im Baugesetz zulässigen maximalen Höhen) in treppenförmigen Terrassen dem Hang folgen. Die Volumen setzen die Landschaft in Szene und machen sie erlebbar. Der Massstab der Langhäuser lehnt sich direkt demjenigen der neuen Siedlung Triemli an und setzt diesen durch eine Serie von grosszügigen Aussenräumen in ein ausgewogenes Verhältnis zur Stadt. Der Schwarzplan zeigt so eine Verschränkung des bisherigen Massstabes der ursprünglichen Siedlungsbauten aus den späten 40ern mit demjenigen der neuen Siedlung. Die Kontinuität der Stadt wird gewahrt, die Blicke von der Birmensdorferstrasse werden akzentuiert, die dazwischenliegenden Aussenräume setzen den bestehenden Baubestand in Szene.
Die Erschliessung der Wohnungen und Häuser der Genossenschaft erfolgt über den Parkweg «Bergwiesen», und den neu angelegten Weg «Sonnenhalde» parallel zum Hang. Von hier folgen sekundäre Wege mit maximaler Neigung von 6% dem Hang und erschliessen die weiteren Wohnungen. Einige Treppenhäuser sind zusätzlich über Terrassen auch von der Birmensdorferstrasse her erschlossen. Alle Wohnungen sind ausnahmslos rollstuhlgängig und liegen nah an den bestehenden Bus- und Tramstationen. Bergwiesen ist nur noch für Anlieferungen und Zügeltermine für Fahrzeuge befahrbar. Die Tiefgarage des südlichen Teils wird direkt der existierenden Garage der Triemlisiedlung angeschlossen. Alternativ kann eine Zufahrt über den Bereich Kellerweg erwogen werden.
Orte, Identitäten
Über den grossen Hof der Siedlung Triemli gelangen wir zum «Goldackerplatz». Die Aussenräume und gemeinschaftlichen Anlagen sind prägend für die Grundstruktur des Entwurfes – sie artikulieren den Genossenschaftsgedanken räumlich. Der Goldackerplatz beim Kindergarten ist einer der Orte, wo tägliche Aktivitäten der Genossenschafts- und Quartierbewohner stattfinden. Direkt am Breitloobach gelegen wird er zwischen der neueren Triemlisiedlung und dem nun zu erstellenden Stadtstück ein Zentrum des Quartierlebens. Ein Café, Gemeinschaftsräume und kleine Ladenlokale sorgen für reges Hin und Her. Der Weg entlang des Breitloobaches verbindet zu Bergwiesen und Sonnenhalde. Das Erschliessungskonzept führt zu identitätsstiftenden Adressen und einer intuitiven Orientierung im ganzen Quartier. Folgen wir den Wegen weiter gegen Norden, sehen wir entlang der Triemlistrasse die «Marktarkade», die sich sechs Meter hoch als raumbildendes Element anbietet. Mit den Gewerberäumen, die jeweils in den Fussbereichen der Langhäuser angeordnet sind, dient sie als Anschluss und Übergang an das weitere Quartier. Gleichzeitig filtert sie den Lärm zu den Zwischenräumen und gibt den Blick Richtung Hang frei. Sonntags findet hier ein lokaler Flohmarkt statt.
Im Osten bildet ein grösserer Zwischenraum zwischen Arkade und Triemlistrasse eine Zone für gemeinschaftliche und gewerbliche Aktivitäten, welche in Zukunft frei interpretiert werden kann. Folgen wir nun den sanft den Hang erklimmenden Wegen Richtung Süden, kommen wir an den alten Bäumen vorbei, die vergessen lassen, dass wir uns in einem neuen Stadtstück befinden. Sie prägen Raum und Atmosphäre entscheidend mit. Die Hanglage und Topographie wurden unverändert belassen und die ursprüngliche Identität von Fluren und Bebauung erfährt Kontinuität. Dazwischen finden wir kleinere, aber umso wichtigere Orte – zum Teil existierend, wie die Anlagen um den Breitloobach oder die Sitzbank bei der grossen Buche an der Südwestecke des Grundstückes – aber auch neu erstellte, wie die an den Stairway 2000 von Nauman angelehnte «Hangtreppe», oder die verschiedenen neuen Spielplätze und neuen Bepflanzungen. Der «Finnische Wald» im mittleren Bereich der Siedlung mit seinem lockeren Bestand von Kiefern und Birken erinnert an Paimio.
Offenes System
Die Gebäudestruktur folgt einer einfachen Idee: Energetische Massnahmen, strukturelle und statische Anforderungen, sowie Infrastruktur wie Bäder und Küchen werden seriell und weitgehend identisch ausgeführt. So können Synergien generiert und Kosten bei hoher Qualität niedrig gehalten werden. Demgegenüber soll alles was Ausbau ist und nicht direkt strukturell in grösserer Abhängigkeit mit weiteren Elementen ist, von den Bewohnern mitbeeinflusst werden können. Wir nennen die primäre Gebäudestruktur Protostruktur. Eine «nicht fertige» Struktur, die das statisch und energietechnisch Notwendige zur Verfügung stellt, zum Beispiel tragende Elemente, Fassadenraster, Stützen, Erschliessungskerne und tragende Böden, sowie Fenster und Fassadenelemente. Der Ausbau hingegen wird in Leichtbau ausgeführt und zusammen mit den Genossenschaftern erarbeitet. So sind verschiedenste Wohnungstypen von Einzelzimmern und Kleinstwohnungen bis zu Clusterwohnungen erstellbar und bleiben auch später veränderbar. Die Materialwahl kann mit beeinflusst werden: so sind zum Beispiel Trennwände aus Holz oder anderen Materialien denkbar. In spezifischen Bereichen können in Absprache mit der Genossenschaft auch Böden weggelassen werden, so dass doppelgeschossige Einheiten entstehen, die dann noch freier, zum Beispiel zu Gross-Clusterwohnungen ausgebaut werden könnten. Die Elemente für den Ausbau werden als Kit of Parts zur Verfügung gestellt und auf die Gesamtgebäudestruktur abgestimmt. Die Einzelteile werden wiederum seriell hergestellt und können bei Bedarf ausgebaut oder anderswo verwendet werden. Der Kit besteht aus Türen, Nischen-, Wand- und Schrankelementen, die verschieden kombiniert werden können. Es entstehen unterschiedlichste Wohnungen mit einer gemeinsamen Grammatik.
Das Prinzip von Protostruktur und Kit of Parts entspricht einem offenen System: alles ist flexibel in der Anwendung und wandelbar in der Zeit. Von fertiggestellten beziehbaren Wohnungen bis zum Selbstbau ist alles möglich. Ökonomie und Flexibilität stehen an erster Stelle. So interpretiert diese Typologie den ursprünglichen Genossenschaftsgedanken für unsere Zeit: Sich wandelnde Lebensformen entfalten sich in wandelbaren Räumen – vom individuellen Raum bis zum generationenübergreifenden Wohnen in Grosswohnungen mit gemeinsamen Terrassen und Dachgärten.
Systemische Lebendigkeit
Der Grundgedanke von Protostruktur und Kit of Parts setzt sich im Aufbau der Fassaden fort. Fassadenstruktur und die Konstruktion der Fenster und Fassadenaussenhaut folgen einem gemeinsamen Prinzip. Das Basiselement bildet ein öffenbares Fenster mit vorliegendem «französischem Balkon». Dieser kann verschieden tief ausgeführt werden und variiert so das Verhältnis zwischen Innen- und Aussenraum.
Ebenfalls können Ausstattungselemente der Fenster von den Bewohnern ergänzt werden, zum Beispiel zusätzliche innenliegende Läden, verschiedenfarbige Fensterflügel oder Sonnenstoren. Auch der Einbau von Loggien ist möglich. Umgekehrt gibt es auch Fenster mit Brüstung und vorgelagerter Bepflanzungseinheit, die von den Bewohnern individuell bepflanzt oder als Kräutergarten genutzt werden können. Die Gesamtfassade wird so zum lebendigen Ausdruck des inneren Lebens der Gebäude. Farben und Ausdruck variieren entlang den Fassaden und werden zum lebendigen Spiel. Dennoch bleibt die architektonische Sprache gemäss der Logik des Kit of Parts kohärent, ganz wie die rhythmischen Figurationen des Go-Spieles.
Dachgärten
Die Disposition der Häuser unterstützt den Erhalt der positiven Effekte im Lokalklima der unmittelbaren Umgebung. Die neuen Klimakarten des AWEL zeigen, dass Fallwinde aus den höheren Regionen des Uetliberges wichtig sind für die Nachtauskühlung der Stadt. Querliegende Gebäude würden diesen Effekt bremsen oder ganz verhindern. Die städtebauliche Setzung von Bergwiesen trägt so nicht nur positiv zur Gesamtenergie- und Nachhaltigkeitsbilanz der nahen Umgebung bei, sondern leistet so einen wichtigen Beitrag für die Stadt Zürich insgesamt. Wichtig in diesem Zusammenhang sind auch die Zwischenräume, die die Topographie beinahe unverändert übernehmen, und die Dachgärten, die durch ihren grossen Grünbestand das Lokalklima mitbeeinflussen. Aus der Luft betrachtet, scheint die Siedlung beinahe ausschliesslich aus Grünflächen zu bestehen. Dies wirkt sich nicht nur positiv auf das Klima im Sommer aus, sondern sorgt übers ganze Jahr für eine nachhaltige Klimabilanz.
Wir besuchen nun die Dachgärten auf den langgezogenen Terrassen. Über den Lift erreichen wir die nächste gegen Norden anschliessende Terrasse (das Treppenhaus führt weiter zur nächst höheren Terrasse). Unmittelbar öffnet sich der Blick über die ca. 1 m hohe Bepflanzung zum Horizont, zur Stadt und zum Quartier. Nischen mit Holzrosten bilden intimere Zonen. Sobald ich mich setze, bin ich von Pflanzen umfasst. Hier oben mischt sich Intimität mit grosszügigem Ausblick. Viele der verschiedenen Zonen sind von den Bewohnern mitgestaltet worden. Zum Beispiel hat das von Vita Sackville-West inspirierte Prinzip des Thyme-Lawn zu vielfältigsten Farbfeldern auf den Dächern und in der Umgebung geführt. Jedes Haus hat nun ein anderes Dach, und doch erkennt man immer wieder verbindende Ideen, Blicke und Konzepte, die gemeinsam erarbeitet wurden. Hier auf den Dächern zeigt sich Individualität und Gemeinschaftlichkeit. Viele essen in grösseren Gruppen hier oben. Die Holzfeuerstellen und Wasseranschlüsse mit Becken machen es einfach, vorher zubereitete Speisen fertig zu kochen, und den Abend in gemütlicher Gartenatmosphäre mit Blick zur Sonne im Westen gemeinsam zu geniessen. Da wir uns auf dem Dach befinden, werden wir auch die Nachbarn nicht stören.
Ausbau, Flexibilität und Lebendigkeit
Bergwiesen setzt die ursprüngliche Siedlungstypologie mit der Falllinie folgenden Volumen fort. Terrassen folgen gleich einer grossen Treppe der Hanglage und generieren grosszügige Zwischenräume. Die kaum veränderte Topographie der Hanglage mit ihrem bestehenden Baubestand wird so zusammen mit der flächengenerierenden offenen Struktur der Gebäudevolumen zur Projektionsfläche, beziehungsweise zum Projektionsraum für die Bedürfnisse und Wünsche der Genossenschaft als Kollektiv und der Bewohner als Individuen. Diese klar gesetzte Ausgangslage ermöglicht ein evolutives Entwerfen in Zusammenarbeit zwischen Architekten und Genossenschaftern. Die Gesamtstruktur und die Setzung im Stadtkörper stehen für die gemeinsamen Werte. Durch die klare Artikulation der Grundstruktur entstehen Zonen, Orte und Plätze mit spezifischem Charakter. Diese Orte können in Zusammenarbeit bespielt und bestimmt werden. Den Aussenräumen können Gemeinschaftsräume, Cafés, Shared-Office-Räume, Werkstätten, Kindergärten, die Gärtnerei, Hort und Spielplätze so zugeordnet werden, so dass ihr spezifischer Charakter zusätzlich gestärkt wird und einer dem Gesamtbild der Genossenschaft entsprechenden übergeordneten Idee folgend verwirklicht werden können. Das Entwerfen von Gesellschaftsbildern wird so auch evolutives Entwerfen von Räumen, in denen Gesellschaftsleben stattfindet. Die Idee der offenen Struktur geht insbesondere davon aus, dass sich Gesellschaftsentwürfe verändern und über Zeit andere Formen annehmen können. Bergwiesen möchte offenen Raum zur Verfügung stellen – interpretierbar und gesetzt in Verhältnis zu Natur und den Menschen.
Vielleicht lässt sich in ein paar Jahren die Räumlichkeit des Stadtstückes Goldacker ähnlich einer Bildbetrachtung lesen und entschlüsseln: Identitätsstiftende Aussenräume und Plätze wechseln sich mit kleinräumigen Nischen und Gärten ab. Wir nehmen den Weg entlang dem Breitloobach und treffen auf die älteren Bauten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der sich nun öffnende Platz ist belebt von Kindern und Quartierbewohnern. Vor dem kleinen Café sitzt eine Gruppe in reger Diskussion. Die mächtigen Bäume auf dem Platz und auf der Südseite zum Hang tragen entscheidend zum angenehmen Klima bei, das den heissen Sommer dieses Jahres vergessen lässt. Die Fassaden im Hintergrund erzählen vom Leben der Bewohner und ihr bewegtes Bild vermittelt uns ein Gefühl für das gesellschaftliche Leben, das hier in der Genossenschaft stattfindet. In den letzten Jahren haben sich die Zwischenräume der Häuser stark verändert. Wir folgen der «Nauman-Treppe» und erreichen die Birmensdorferstrasse. Die oberen Dachterrassen sind vor kurzem in einer gemeinschaftlichen Anlage zusammengefasst worden. An dem Restaurant vorbei gehen wir ganz nach vorne und blicken über die Stadt – neugierig, wo die nächsten Veränderungen stattfinden werden.
